Gaspreise seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt – Das sind die Folgen für Strompreise, Winterversorgung, Inflation und Zinsen
Mit dem näher rückenden Winter 2026/27 und dem anhaltenden Iran-Konflikt gerät der Gasmarkt nun zunehmend unter Druck. Die Folgen reichen weit über den Gasmarkt hinaus. Hohe Gaspreise verteuern die Stromproduktion in Gaskraftwerken, während niedrige Speicherstände den Beschaffungsdruck vor dem Winter erhöhen. Gleichzeitig verstärkt der Energiepreisschub den Inflationsdruck und erhöht das Risiko steigender Zinsen.
Gaspreis steigt auf höchsten Stand seit Anfang 2023
Der richtungsweisende niederländische TTF-Gaspreis ist seit Anfang 2026 von rund 30 Euro auf zeitweise mehr als 75 Euro je Megawattstunde (MWh) gestiegen. Damit hat sich der europäische Gaspreis innerhalb von acht Monaten mehr als verdoppelt und Anfang September den höchsten Stand seit Anfang 2023 erreicht.
Der jüngste Preisschub spiegelt auch eine Korrektur der Markterwartungen wider. Im Frühjahr hatten die Terminmärkte noch auf eine vergleichsweise schnelle Beendigung des Iran-Konflikts und eine Normalisierung der LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus gesetzt. Da diese Erwartung bislang nicht eingetreten ist, trifft das anhaltende geopolitische Risiko nun auf niedrige europäische Speicherstände und einen näher rückenden Winter.
Gasspeicher: Fatale Preissignale im Frühjahr bremsen Speicherbefüllung - Sommergas war teurer als Wintergas
Ein wesentlicher Grund für die niedrigen Speicherstände liegt in der Preisstruktur des Gasmarktes selbst. Bereits im Frühjahr war kurzfristig verfügbares Gas zeitweise so teuer, dass der Einkauf von Sommergas einschließlich der Kosten für die Einspeicherung über dem Preis einer direkten Gaslieferung im kommenden Winter lag. Der klassische wirtschaftliche Anreiz zur Einspeicherung fehlte damit.
Verstärkt wurde dieser Effekt durch die Erwartung, dass der Iran-Konflikt und die Einschränkungen in der Straße von Hormus nicht dauerhaft anhalten würden. Für Marktteilnehmer konnte es daher wirtschaftlich attraktiver erscheinen, die Beschaffung aufzuschieben. Diese Rechnung geht bislang nicht auf: Mit Stand vom 02.09.2026 sind die deutschen Gasspeicher lediglich zu rund 53,6 Prozent gefüllt. Zuletzt hat die Einspeicherung allerdings wieder angezogen.
Mit dem näher rückenden Winter steigt damit der Beschaffungsdruck. Marktteilnehmer, die auf niedrigere Preise gesetzt und ihre Beschaffung aufgeschoben haben, müssen fehlende Mengen bei anhaltend hohen Gaspreisen möglicherweise deutlich teurer einkaufen.
Keine Gasmangellage: Iran-Krieg sorgt für Angebotsschock - LNG-Markt kompensiert Großteil
Der Iran-Krieg hat durchaus einen realen Angebotsschock ausgelöst. Vor dem Krieg liefen nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Angebots durch die Straße von Hormus. Zwischen März und Juni gingen die LNG-Lieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten gegenüber dem Vorjahr um rund 35 Mrd. Kubikmeter zurück.
Der internationale LNG-Markt konnte den Ausfall allerdings zu einem großen Teil auffangen. Die Produktion außerhalb der Golfregion stieg gleichzeitig um rund 27 Mrd. Kubikmeter. Damit wurden nach Berechnungen der IEA rund drei Viertel des Ausfalls kompensiert. Die weltweite LNG-Produktion sank unter dem Strich lediglich um 4 Prozent.
Die niedrigen europäischen Speicherstände sind daher nicht mit einer akuten physischen Gasknappheit gleichzusetzen. Sie verringern allerdings den Sicherheitspuffer für den Winter. Je weniger Gas zu Beginn der Heizperiode eingelagert ist, desto stärker ist Europa auf laufende Pipeline- und LNG-Importe angewiesen. Entscheidend wird sein, zu welchen Preisen die benötigten Mengen am Weltmarkt beschafft werden können. Ein kalter Winter oder weitere Störungen der LNG-Lieferketten könnten den Preis- und Beschaffungsdruck deutlich erhöhen.
Hohe Gaspreise treiben Stromerzeugungskosten und Börsenstrompreise
Der Gaspreisanstieg schlägt schon jetzt sichtbar auf den Strommarkt durch. Bei einem Gaspreis von 70 Euro/MWh ergeben sich für ein Gaskraftwerk mit 50 Prozent Wirkungsgrad allein Brennstoffkosten von 140 Euro/MWh bzw. 14 Cent je Kilowattstunde Strom (ohne CO2-Preis).
Der aktuelle hohe TTF-Preis ist dabei nicht mit den durchschnittlichen Gasbeschaffungskosten gleichzusetzen. Ein Teil des Gasbedarfs ist über langfristige Lieferverträge und frühere Termingeschäfte abgesichert. Nur ein Teil der Mengen wird unmittelbar zum aktuellen Marktpreis beschafft. Für den kurzfristigen Kraftwerkseinsatz ist das Preisniveau dennoch relevant, da auch der aktuelle Markt- und Opportunitätswert des eingesetzten Gases zählt.
Insbesondere in Zeiten geringer Wind- und Solarstromerzeugung sind Gaskraftwerke häufig preissetzend. Die hohen Gaspreise schlagen deshalb über den Merit-Order-Mechanismus bereits auf die Börsenstrompreise durch. Gleichzeitig steigt der wirtschaftliche Wert von erneuerbaren Energien und Batteriespeichern, die den Einsatz teurer Gaskraftwerke in Hochpreisphasen reduzieren können.
Fossile Energiepreise treiben Inflation - Zinserwartungen drehen
Der erneute Preisschub bei den fossilen Energieträgern Gas und Öl schlägt inzwischen auf die Verbraucherpreise durch. Die Inflationsrate im Euroraum ist im August auf 3,3 Prozent gestiegen, nach 2,9 Prozent im Juli. Die Energiepreise lagen 14,3 Prozent über dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig ging die Kerninflation ohne Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak leicht von 2,5 auf 2,4 Prozent zurück. Der aktuelle Inflationsschub wird damit maßgeblich von den gestiegenen fossilen Energiepreisen getrieben.
Eine Verdopplung des TTF-Gaspreises führt allerdings nicht unmittelbar zu einer entsprechenden Verteuerung für Verbraucher. Versorger beschaffen Gas über unterschiedliche Zeiträume und sichern Teile ihres Bedarfs im Voraus ab. Bleiben die Preise für Gas und Öl jedoch länger hoch, wirken sie zunehmend auch indirekt über höhere Strom-, Produktions- und Transportkosten auf andere Waren und Dienstleistungen.
Damit werden die Preise fossiler Energieträger auch zu einem wichtigen Faktor für die weitere Zinsentwicklung. Die Inflation liegt mit 3,3 Prozent deutlich über dem mittelfristigen Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2 Prozent. Entscheidend ist, ob der Energiepreisschock vorübergehend bleibt oder Zweitrundeneffekte auslöst. An den Finanzmärkten haben sich die Zinserwartungen angesichts des erneuten Inflationsanstiegs bereits nach oben verschoben.
© IWR, 2026
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