Strom: Reiches neuer energiepolitischer Kurs verschiebt die Steuerungsmacht - teure Gaskraftwerke treiben die Strompreise
Kapazitätsmarkt, EEG-Novelle und Netzanschlusspaket verändern in Reiches Plänen zugleich die Steuerung des Stromsystems. Nach Einschätzung des IWR verschiebt sich die Steuerungsmacht stärker vom wettbewerblichen Strommarkt hin zu regulierten Netzbetreibern und staatlich organisierten Kapazitätsmechanismen. Während Betreiber gesicherter Kraftwerksleistung zusätzlich für die Bereitstellung von Leistung vergütet werden sollen, werden die wirtschaftlichen Risiken bei erneuerbaren Energien stärker auf die AnlageMwenbetreiber verlagert.
Gaskraftwerke werden immer häufiger zum preissetzenden Kraftwerk
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass zusätzliche Gaskraftwerke allein durch ein höheres Stromangebot die Preise senken. An der Strombörse gilt jedoch das Merit-Order-Prinzip: Die Kraftwerke werden bei jeder Auktion nach ihren Geboten aufgereiht. Das letzte Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, bestimmt den Preis für alle zum Zuge gekommenen Kraftwerke, völlig unabhängig davon, wie günstig diese vorher angeboten haben. Mehr erneuerbare Energien verdrängen aufgrund ihrer niedrigen Grenzkosten so teurere Kraftwerke und senken damit am Ende den Börsenstrompreis. Wird ihr Ausbau ausgebremst, müssen im Zuge des Kohleausstiegs verstärkt teure, preissetzende Gaskraftwerke einspringen.
Wie teuer die Stromerzeugung aus Gas derzeit ist, zeigt der aktuelle Gaspreis. Mitte August 2026 lag der europäische TTF-Gaspreis bei rund 62,50 Euro je Megawattstunde. Bei einem Gaskraftwerk mit 50 Prozent Wirkungsgrad entstehen damit allein Brennstoffkosten von rund 12,5 Cent je Kilowattstunde Strom. Speicher können dagegen günstigen Wind- und Solarstrom in Stunden mit höherer Nachfrage verschieben und so den Einsatz teurer Gaskraftwerke reduzieren.
„Keine der geplanten neuen Regelungen aus dem Netzpaket und der EEG-Novelle sorgt für niedrigere Strompreise für die Industrie und den Verbraucher, ganz im Gegenteil“, so IWR-Geschäftsführer Dr. Norbert Allnoch.
Kapazitätsmarkt stärkt gesicherte Leistung - Erneuerbare tragen höhere Risiken
Mit dem geplanten Kapazitätsmarkt erhalten Betreiber gesicherter Kraftwerksleistung zusätzlich zu möglichen Strommarkterlösen eine Vergütung für die Bereitstellung von Leistung. Bei neuen Windenergieanlagen soll dagegen das Risiko von Netzengpässen stärker auf die Betreiber verlagert werden. Der vorgesehene Redispatch-Vorbehalt ermöglicht einen Netzanschluss unter Verzicht auf einen finanziellen Ausgleich bei späteren Abregelungen.
Auch bei der Photovoltaik steigen die Marktanforderungen. Neue kleine PV-Hausdachanlagen sollen nach den Planungen keine EEG-Mindestvergütung mehr erhalten und ihren Solarstrom selbst vermarkten. Hinzu kommen Änderungen beim Windenergie-Referenzertragsmodell und eine stärkere Begrenzung der PV-Einspeiseleistung. Batteriespeicher werden beim Netzanschluss weiterhin mit Baukostenzuschüssen belastet.
„Das ist keine zukunftsorientierte Energiepolitik, sondern eine Verschiebung der Steuerung der Energiewende hin zu Akteuren und Erlösmodellen, die deutlich weniger unter dem Kostendruck eines wettbewerblichen Strommarktes stehen - mit weitreichenden Folgen“, so Allnoch.
Strompreise: Neue Kapazitätsmarkt-Umlage belastet Stromverbraucher zusätzlich
Neben den Auswirkungen auf den Börsenstrompreis entstehen durch den Kapazitätsmarkt zusätzliche Kosten. Ab 2031 soll dessen Finanzierung nach den bisherigen Planungen über eine neue Umlage erfolgen. Das Bundeswirtschaftsministerium veranschlagt für die Kapazitätsförderung im Jahr 2031 Kosten von 1 bis 3 Milliarden Euro, die von den Stromverbrauchern getragen werden sollen.
Kurzfristige Strompreissenkungen stellt auch Reiche selbst nicht in Aussicht. „Spürbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er Jahren sehen“, erklärte die Bundeswirtschaftsministerin Anfang August.
IWR: Systemportfolio Strom auf Zukunftsfähigkeit und niedrigere Strompreise ausrichten
Aus Sicht des IWR sollte die Energiepolitik das Systemportfolio Strom danach ausrichten, welche Kombination aus erneuerbarer Erzeugung, Speichern, Netzen, flexibler Nachfrage und gesicherter Leistung Versorgungssicherheit zu möglichst niedrigen Strompreisen ermöglicht. Einen Baustein sieht das IWR darin, die Kombination aus erneuerbaren Energien und Speichern zum Standard großer Ausschreibungen zu machen. Dadurch kann günstiger Wind- und Solarstrom gespeichert und in Stunden mit höherer Nachfrage genutzt werden, in denen ansonsten häufiger teure Gaskraftwerke den Strompreis bestimmen.
Auch die Netzinfrastruktur verändert sich. Mit Ultranet, A-Nord, SuedLink und SuedOstLink sollen nach den aktuellen Planungen bis 2028 zentrale Nord-Süd-Stromverbindungen fertiggestellt werden. Sie erhöhen die Transportmöglichkeiten zwischen den erneuerbaren Erzeugungsschwerpunkten im Norden und den Verbrauchszentren im Westen und Süden und können damit Netzengpässe und den Bedarf an Redispatch reduzieren.
Allnoch: „Die Aufgabe der Politik ist es, das Systemportfolio Strom aktiv auf Zukunftsfähigkeit auszurichten - ähnlich einem verantwortungsvollen Portfoliomanagement, das unterschiedliche Chancen und Risiken gegeneinander abwägt. Dazu gehören leistungsfähige Netze und gesicherte Leistung genauso wie Erneuerbare, Speicher und flexible Verbraucher. Entscheidend ist aber nicht nur, wohin Investitionen gelenkt werden, sondern auch wer das System steuert und welche Strompreise damit für Industrie und Verbraucher verbunden sind.“
© IWR, 2026
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